„Neujahr“ von Juli Zeh

//„Neujahr“ von Juli Zeh

„Neujahr“ von Juli Zeh

Für unsere nächste literarische Runde haben wir den aktuellen, im September 2018 erschienenen Roman von Juli Zeh, „Neujahr“, ausgesucht.(Link zum Buch) Die mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete, 1974 geborene deutsche Schriftstellerin, Juristin und auch Journalistin ist bekannt durch ihre meist umfangreichen gesellschaftskritischen und zukunftsvisionären Werke, die im Repertoire bis hin zum Polit- bzw. Psychothriller reichen. Sie legt mit diesem Buch gewissermaßen etwas Neues vor.

Im Mittelpunkt steht die von ihrer Lebenssituation etwas überforderte sowie von Panikattacken und Angstzuständen gebeutelte Psyche des Familienvaters Henning, der die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr – auf eigenen dringlichen Wunsch hin – mit Frau und zwei kleinen Kindern in einem Ferienhäuschen auf Lanzarote verbringt.

Mit dem Satz „Ihm tun die Beine weh“ setzt das Buch unmittelbar damit ein, dass Henning alleine und mit einem viel zu schweren, geliehenen Fahrrad am Neujahrsmorgen die Passstraße nach Femés hochfährt. Zum Radfahren kam er im Urlaub trotz guter Vorsätze bislang nicht. Nun ist dieser fast zu Ende und Henning fest entschlossen, die Steilauffahrt von der Playa Blanca aus zu meistern. Durch die Gedanken und Erinnerungen, die ihm beim Fahren durch den Kopf gehen, werden die Leser und Leserinnen auch gleich auf Stand gebracht, was Hennings aktuelle Lebenssituation angeht, sie erfahren zudem vieles aus seiner familiären Vergangenheit.

Im Verlauf der Radtour wird der Protagonist, aus dessen Perspektive durchgehend erzählt wird, unversehens und völlig unvorbereitet auf ein komplett verdrängtes, äußerst traumatisches Erlebnis in seiner Kindheit zurückgeworfen – um nicht zu sagen, in dieses wieder „hineingeworfen“.

Das dritte, äußerst spannende und ergreifende Kapitel des Buches und gleichzeitig dessen „Herzstück“ ist ausschließlich aus der Perspektive des „kleinen“ Henning geschildert und konzentriert sich nahezu komplett auf ihn und seine kleine Schwester Luna sowie das Geschehen, mit dem beide zu „kämpfen“ haben und das den Dreh- und Angelpunkt von „Neujahr“ bildet. 

Durchaus überraschend ergibt sich am Ende des Buches die hinter alledem stehende „Erwachsenenrealität“, die sich schließlich ganz logisch und den Kreis quasi schließend mit der „Jetztzeit“ verbindet.

Zeh hat den Einfallsreichtum, das Phantasiebegabte und Spielerische, doch auch schier Unermüdliche der kindlichen Psyche bzw. Wahrnehmung wunderbar authentisch umgesetzt. Dabei berühren die gleichzeitige Verwirrung der Kinder, das Nichtverstehen und die Verzweiflung aufgrund der allein schon physischen Beschränktheit des kindlichen Handlungsspielraums zutiefst. Das Erlebnis, das Henning mit Luna teilt und ihn so eng mit seiner kleinen Schwester verbindet, ist von schrecklicher, albtraumhafter Natur und bringt fast einen Thrillerfaktor in den Text.

Ist die „Randgeschichte“, das Verhältnis bzw. Verhalten Hennings gegenüber seiner Umwelt und vor allem Familie, auch vielleicht etwas zu offensichtlich psychologisierend konstruiert, das Ganze zu sehr ein „Psychogramm“ seiner gestörten Seele, so ist die Schilderung des zugrunde liegenden Traumas im Bezug zur aktuellen Realität Hennings doch sehr beeindruckend.

Gewohnt flüssig und einfach geschrieben, korrespondiert der Stil Juli Zehs hier sehr passend mit dem Inhalt des Textes, potenziert er doch in seiner Schlichtheit die Ergriffenheit, ja Betroffenheit beim Lesen und lässt tief in das unmittelbare Erleben der Figuren eintauchen.

Das neue Werk der Autorin, das einen direkt zwingt, es in einem „Rutsch“ zu lesen, wird sicher viele Leserinnen und Leser auf irgendeine Weise packen – darüber zu sprechen, lohnt es sich auf jeden Fall!

Link zum Buch

2018-11-23T17:50:42+00:00