Die Überwindung der Schwerkraft – keine Saufgeschichte

//Die Überwindung der Schwerkraft – keine Saufgeschichte

Die Überwindung der Schwerkraft – keine Saufgeschichte

Zwei charakterlich und vom Lebensentwurf sehr unterschiedliche (Halb-)Brüder begehen einen exzessiven Kneipen- bzw. Trinkabend, an dem vor allem der zwölf Jahre ältere der beiden in Monologen zum Wesen der Menschheit im Allgemeinen wie auch zur Bedeutung und Verantwortlichkeit, die das Vatersein mit sich bringt, schwelgt. Rund neun Monate später ist er tot, der jüngere erfährt ausgerechnet an seinem 33. Geburtstag davon, der gemeinsame Abend war somit das letzte Mal, dass die beiden sich gesehen haben.

Mehr als sieben Jahre sind seit dem Tod des Bruders vergangen, als der jüngere aus seiner Perspektive als Ich-Erzähler den letzten Abend mit dem Bruder in Erinnerungen nochmals aufleben lässt – im Mittelpunkt stehen hier vor allem dessen ausschweifende Äußerungen zum Weltgeschehen wie auch zur Einschätzung des eigenen Daseins, die durchzogen sind mit Rückblicken auf seine und auch die gemeinsam erlebte Kindheit. Der Erzähler setzt die Gespräche des Abends bzw. die Ausführungen seines Bruders schließlich in Bezug zu sich selbst, seinem eigenen Leben – damals wie aus jetziger Perspektive – und stellt dar, wie er selbst den Bruder erfahren und verstanden und was er von diesem bewahrt hat.

Die Handlungs- wie Gedankenstränge sind in diesem Roman immer sehr eng miteinander verknüpft, die Sätze lang, ausholend, mit vielen Einschüben, manchmal kaum ein Ende findend. Einlassen muss man sich auf den Stil des Buches ganz sicher, und der studierte Philosoph Helle kommt mitunter durchaus deutlich zum Vorschein. Dennoch, denke ich, ist es lohnenswert, sich darauf einzulassen und ganz in die Gedankenströme der Brüder hineinzubegeben, um gemeinsam mit diesen darüber nachzudenken, was Leben, was Tod bedeuten und  welchen Einfluss wir selbst darauf haben. Kann man das Glück bzw. Glücklichsein mit Worten beschwören, wie nah können sich Menschen tatsächlich kommen und was bleibt von alledem am Ende? Wofür lohnt es sich zu leben und wie schafft man es, aus der eigenen Haut zu schlüpfen und der Schwerkraft zu entkommen – und möchte man dies überhaupt?

Helle kreiert hier eine sehr nachdenkliche wie nachdenkenswerte Annäherung an eine Brüderbeziehung mit ihren ganz spezifischen familiären Hintergründen, die durch die Diskrepanz zwischen banalem Handlungsgeschehen und sehr ungewöhnlichen, nahezu philosophischen Gedankenspielereien ihren Spannungsbogen zieht.

Der Autor wurde 1978 in München geboren, studierte Philosophie und arbeitet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit als Texter für verschiedene Werbeagenturen. Er lebt mit Frau und Kind in Zürich. „Die Überwindung der Schwerkraft“ ist sein dritter Roman. Auszeichnungen hat er bereits einige erhalten, vor allem Literaturpreise bzw. Nominierungen dafür.

Für unsere nächste Literatur-am-Tisch-Runde haben wir das Buch „Die Überwindung der Schwerkraft“ von Heinz Helle ausgewählt.

2019-02-04T13:24:32+00:00